Aufbruch nach Serbien

Im März 2026 fahre ich aus Berlin mit meinem Motorrad in Richtung Serbien. Ich werde einen Freund besuchen, der dort in einem kleinen Dorf wohnt. Hier lest ihr über meine Erlebnisse und was mir dabei durch den Kopf geht.

An einem sonnigen Freitagmorgen Mitte März ist es mal wieder Zeit: die Ferne ruft. Über die vertraute A100, vorbei an von Abgasen verfärbten Altbaufassaden und Gewerbehöfen, fahre ich vollgepackt nach Südosten. Hinaus aus Deutschland gelange ich über die Grenze nach Polen. In einer kühl-grauen, mich melancholisch stimmenden Landschaft, biege ich ab und tanke günstig. Die Umgebung unterscheidet sich kaum von Brandenburg. Lediglich die einsetzenden sanften Hügel der Regionen Niederschlesien und Oppeln sind dann doch eine Abwechslung. Diese und der frühlingshafte Geruch frisch gedüngter Felder werden mich eine Weile begleiten. Ich bin verkrochen in warmen Klamotten und schaue aus der kleinen Welt meines Motorradhelms hinaus in die Weite. Später, bei einem kurzen Stopp an einer Raststätte, spricht mich an der Kasse von hinten ein Mann an und kommentiert mein altes Motorrad und meine Reise. In seinem Lächeln nehme wahr, dass er es nachempfinden kann: das schöne Gefühl vom Unterwegssein, als wolle er gleich mitfahren.

Der Niederländer Cees Nooteboom schrieb in Der Umweg nach Santiago folgende Worte, an die ich auf dieser Reise oft denke:

„Und denk dran, nie bist du irgendwo nicht in einem Namen, nicht in einer Gegend mit einem Namen, nicht auf einem Berg mit einem Namen, in einem Ort mit einem Namen – stets hältst du dich in irgendeinem Wort auf, das sich andere – nie gesehen, längst vergessen – ausgedacht, irgendwann zum ersten Mal aufgeschrieben haben. Wir befinden uns immer in Wörtern. Und nicht nur in Wörtern, auch in der Geschichte. Der gegenwärtigen, wie der von einst.“

Auschwitz

Nachmittags recherchiere ich Übernachtungsmöglichkeiten und Entfernungen und entscheide in die Gegend um Kattowitz (Katowice) zu fahren. Ich treffe dann bei fast vollständiger Dunkelheit in Auschwitz (Oświęcim) ein. Irgendetwas führt mich heute an diesen Ort. Ich checke in einem einfachen Gästehaus ein, bin müde, entlade mein Zweirad und gehe duschen. Dann laufe ich noch ein paar Schritte. Es ist düster, kühl und regnet leicht. Die Straßen sehen aus wie in jeder anderen Kleinstadt. Und doch ist nichts normal. Ich fühle mich unwohl, nehme einige umherziehende Jugendliche, Straßenzüge und Details wahr: Gebäude, Zäune, Schilder, Bäume, Schatten und Licht. „Wie kann man hier nur leben angesichts dieser Geschichte?“, frage ich mich.

Mein Gastgeber Przemek hatte mich schon darauf hingewiesen, dass für die Gedenkstätten neuerdings eine Online-Reservierung erforderlich ist, die angesichts von knapp zwei Millionen Besucher*innen (2025: 1,95 Mio.) spontan meist schwierig zu bekommen ist. So fahre ich zwar am nächsten Morgen zum Museumseingang neben dem Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz, das KZ Auschwitz I. Tickets gibt es auch hier nicht mehr. Ich laufe los, um das Lager, entlang einer Straße oberhalb des Flusses Soła, passiere das Haus des Lagerkommandanten mit der Hausnummer 88 (bekannt aus dem schauderhaften Film The Zone of Interest.)

Dies alles liegt mitten in der Stadt, ist Teil dieser, genau wie das Lager Auschwitz II und etliche weitere Stätten. Von außen wirken die zahlreichen Wachtürme, die endlosen Meter Stacheldraht, die hunderte Meter langen Mauern größtenteils sehr intakt. „Gut instand gehalten“ könnte man sagen, was sich absurd anhört, aber vielleicht ist das genau richtig so: es wirkt, als wäre alles gestern noch genutzt worden. Es gruselt mich. So geht es mir den ganzen Vormittag. Wie kann das alles hier so „normal“ dastehen?

Und doch spüre ich im Laufe der nächsten Stunden, wie sich langsam dieses Gefühl, das mich seit gestern Abend begleitet, wandelt in die Feststellung: Auch hier leben Menschen und mit ihnen entwickelt dieser Ort jeden Tag eine neue Geschichte. Dazu passt die Anekdote meines Gastgebers über das Gebäude, in dem er sein Gästehaus betreibt: Vor dem Krieg war es eine jüdische Schule, während des Krieges war es von der SS besetzt, irgendwann nach dem Krieg kauften seine Eltern das Haus. Heute gibt er dem Ort eine neue Bedeutung.

Dann fahre ich über die Brücke über das große Bahnhofsgelände nach Birkenau (Brzezinka). Ich weiß, was ich nun sehen werde und doch kann ich es mir nicht vorstellen. In der kleinen Gemeinde sehe ich zwei Frauen in ihrem Garten und frage, ob ich kurz vor ihrer Einfahrt parken darf. Kein Problem. Durch die freundlich wirkende Nachbarschaft laufe ich einige Minuten nach Westen, bis sich hinter einem Acker der Ort des Grauens zeigt. Ich gehe an den Zäunen mit den alten Laternen entlang, sehe vereinzelte Gruppen von Besucher*innen durch das Lager gehen, stehe neben den Bahngleisen, starre diese an, starre durch das Torhaus, gehe weiter, halte inne.

Anschließend folge ich dem Verlauf der Bahngleise. Sie verlieren sich nach einigen Metern in Gärten im Dorf. Kurz danach stehe ich am Güterbahnhof und sehe einen Wagon: das Mahnmal für die Alte Judenrampe. Hier wurden von 1942 bis Mai 1944 die Selektionen durchgeführt; danach fanden sie innerhalb des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau statt.

Zurück auf der anderen Seite des Bahnhofs in Oświęcim gehe ich auf Empfehlung noch in ein Museum, in dem es um die Geschichte und Erinnerungen der Einwohner geht. Auf eindrückliche Weise wird multimedial und mit vielen Erinnerungsstücken erläutert, wie das Leben hier vor und während der Nazibesatzung war. Es wird über die schrittweise Vertreibung der polnischen Bevölkerung aus dem ca. 40 Quadratkilometer großen „Interessengebiet KL Auschwitz“ berichtet, wie Menschen als Kollaborateure verhaftet und in Lager gesteckt wurden. Aber auch darüber, wie Einzelne unter Lebensgefahr geholfen haben, wie z.B. ein Mädchen regelmäßig Häftlingen Essen zusteckte oder es für sie an bestimmten Stellen versteckte. Es sind derartige Geschichten von Menschlichkeit, die mir nach diesen Stunden Hoffnung geben.

Nach Süden

Dann setze ich meine Reise fort in Richtung Süden, fahre durch die Karpaten, schlafe eine Nacht in einem kleinen Dorf im Nirgendwo in der Slowakei. Am nächsten Tag überquere ich zwischen Štúrovo und Gran die Donau und somit die Grenze nach Ungarn. Die Landschaft ist nun recht flach, es herrscht viel Verkehr. In beiden Ländern fallen mir die vielen großen Plakatwände am Straßenrand auf. Wobei es in Ungarn nicht die kommerzielle sondern die Wahlwerbung ist, die mir ins Auge springt. Die Übersetzung der abstoßenden Slogans seitens der regierenden Partei lasse ich an dieser Stelle bleiben. Mir fällt auf, in welchem maroden Zustand etliche Straßen sind und mir kommt die Frage in den Sinn, wo wohl die vielen EU-Milliarden hingeflossen sind. Ich lasse die Gedanken weiterziehen. Nach einem Kaffee in Budapest und einer Übernachtung auf dem Land überquere ich die nächste Grenze und komme in Serbien an: Land zwischen Ost und West mit einer langen und komplizierten Geschichte.

Reisen und Demut

Ganz im Ernst – wer fühlt sich nicht manchmal etwas erhabener als andere, ein bisschen besser, schlauer, fortgeschrittener in den eigenen persönlichen oder gesellschaftlichen Lebensverhältnissen? Und merkt dann (hoffentlich), dass das nur selten wahr sein kann. Für mich ist das Reisen ein wunderbares Mittel gegen derartiges Versinken in der eigenen Wahrnehmungsblase. Wenn ich, wie jetzt, mehrere Wochen an einem unbekannten Ort lebe, bringt mich das runter. Während ich meinen eigenen Routinen und Arbeit aus der Ferne nachgehe, bin ich umgeben von der Fremde, von anderen Lebensumständen und Rhythmen.

Deponie

Ich befinde mich in Gardinovci, unweit von Novi Sad an der Donau gelegen. Weniger als einen Kilometer vom Dorf entfernt, existiert eine Müllkippe. Dort wird Zeug abgeladen, teils verbuddelt, brennt auch mal, was aber wohl sehr selten vorkommt. Als ich davon erfahre, zieht es mir bei der Vorstellung schon mein Inneres zusammen. Als ich davorstehe, macht mich das weniger fassungslos und mehr traurig. Ich finde es schwer zu verstehen, warum Menschen so mit ihrer Umwelt umgehen, habe es aber oft auf der Welt gesehen, ebenso wie den Plastikmüll am Straßenrändern. Ein Teil von mir fängt natürlich an zu urteilen.

Dann merke ich jedoch schnell: von Menschen zu sprechen ist etwas anderes als von Gesellschaften zu sprechen. Als Einzelne sind wir geprägt von dem, was wir erleben, was als normal gilt, was Vorbilder tun. Wenn ich täglich von Verwahrlosungstendenzen in der eigenen Nachbarschaft umgeben bin – warum sollte ich es anders machen?

Die Gesellschaft besteht wiederum aus uns allen, aber eben auch aus Konventionen, Regeln, Institutionen. Politik. Und wenn beispielsweise wenig Geld da ist, wenn die Menschen in Positionen mit politischem Einfluss die Prioritäten anders setzen, oder Korruption ganze Systeme zerfrisst, dann ist das verdammt traurig.

Außerdem trennen wir in Deutschland zwar fleißig, haben hocheffiziente Müllverbrennungsanlagen und heutzutage wird viel und effizient recycelt. Aber wie viel Müll produzieren wir eigentlich und wo ist unser Müll jahrzehntelang gelandet? Wenn man beginnt hinter die Fassade bzw. die Geschichten zu schauen, die wir uns (als Einzelne oder als Gesellschaften) erzählen, kommen schnell Zweifel auf und es wird komplex. Nicht, dass uns das vom Anspruch oder Kritik abhalten sollte oder dass ich hier irgendetwas rechtfertigen will. Aber ich merke, wie mich das Sein in der Fremde erst einmal innehalten lässt, bevor ich urteile, und ich mir häufig vergegenwärtige: ich bin durch Zufall an einem bestimmten Ort und einer Zeit geboren und dadurch geprägt. Reisen hilft, mir das bewusst zu machen und gelegentlich aufzubrechen.

Zündkerzenwechsel

Ein fast dreißig Jahre altes Motorrad hat so seine Tücken und erfordert regelmäßige Wartungs- und Reparaturarbeiten. Manchmal nervig und zugegebenermaßen versuche ich mir den Aufwand auch manchmal damit schön zu reden, dass es eine Übung in Achtsamkeit ist. Aber Tatsache ist auch, dass es mich mit Menschen in Kontakt bringt. Verrückt, wie viele (spontane) Werkstätten-, Baumarkt- oder Straßenrandbegegnungen dadurch schon entstanden sind. Dieses Mal stellt sich heraus, dass die Zündkerzen dran sind. Und wer sich klarmacht, wie komplex ein Motor konstruiert ist und wie versteckt wichtige Teile sind, kann sich vorstellen, dass dafür das ein oder andere Spezialwerkzeug oder Improvisation vonnöten ist. So auch in meinem Fall.

Hier kommt der etwa 80-jährige Nachbar Mirko ins Spiel. Was ich so mitbekomme, wäre ich mit ihm politisch wohl selten einer Meinung. Früher war er Offizier in der serbischen Armee und ist ziemlich überzeugt von Politikern, die eher zum autoritären Spektrum gehören. Mirko wohnt direkt neben meinem langjährigen Freund Efim, bei dem ich wohne, und kommt mindestens einmal täglich zum Grüßen durchs Tor, leiht uns seinen Rasenmäher, bietet Kompost an für die Beete, gibt Gartentipps, oder lädt ein zum Schach spielen. Und mal kurz zu ihm hinüberlaufen zu können und mit ihm in einem seiner selbstgebauten Schuppen nach dem richtigen Maulschlüssel zu wühlen, ist eben der einfachste Weg. In dem Moment sind mir seine politischen Ansichten recht egal (müssen es mir sein) und es reicht, wenn wir mit Händen kommunizieren und den Tonfall des anderen jeweils in seiner eigenen Sprache interpretieren.

Dorfleben und Politik

Sich auf Reise zu begeben, bedeutet ja immer auf mehreren Reisen gleichzeitig zu sein. Nooteboom beschrieb das als „(…) die zwei Reisen, die ich mache, einen in meinem Auto und eine durch die Vergangenheit (…)“

Ich möchte das etwas erweitern: Wir machen mindestens eine physische und eine gedankliche Reise durch. Wir brechen in einer Stimmung auf, erleben unterwegs Dinge, die uns wiederum innerlich bewegen. Dazu kommt neben geschichtlichen Erzählungen weiterer Input von außen (wie Nachrichten), die unseren Blick auf das Physische mitbestimmen. So ist auch meine Reise eine sehr nachdenkliche.

Über das Dorfleben ließen sich weitere Erzählungen verfassen: die freundlichen Menschen, der kleine Markt am Freitagmorgen, die Tante-Emma-Läden, die Kirche, die Ufer der Donau, die weiten Felder usw. Doch beschäftigen mich momentan viele Dinge und so oder so landet man schnell wieder bei der Politik.

Um mal einige Themen zu nennen:

  • Korruption und Protestbewegung nach dem Einsturz des Bahnhofsdachs in Novi Sad im Jahr 2024.
  • Hier in der Umgebung werden derzeit etliche Hektar eines, an ein Naturschutzgebiet grenzenden Waldes abgeholzt; das Holz wird nach China verschifft, so heißt es.
  • Inflation, Standpunkte zur Ukraine und zu Russland. Viele, insbesondere junge Menschen sind seit 2022 aus Russland nach Serbien geflüchtet.
  • Geschichte Serbiens: Jugoslawien, Krieg, Nationalismus.


Vieles davon bietet Potential für Diskussionen und Polarisierung. Ich lerne aber mal wieder, wie das Leben auf dem Dorf durch persönliche Beziehungen geprägt ist und dass man tendenziell oft eher die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten sieht. Alleine wäre man hier manchmal aufgeschmissen. In der Stadt wiederum, erscheint es mir deutlich einfacher, mir meine Blase auszusuchen und mich eher selten mit Fremdem auseinanderzusetzen.

Und irgendwie, so spüre ich, ist es in diesen Zeiten wichtig alles dafür zu tun, aufeinander zuzugehen. Statt mir mit einem entfremdeten Blick zu vergegenwärtigen, was mich von anderen und ihren Ansichten trennt, frage ich mich: was kann ich tun, um mit Menschen in Dialog zu treten? Wo überschneiden sich Lebensrealitäten?

Während ich (um es mal kitschig zu verdichten) dem lauten Surren der Bienen in den Kirschblüten lausche, ein Hahn kräht, das Echo eines bellenden Hundes und die Rufe spielender Kinder durchs Dorf hallen, denke ich daran, was Jean-Paul Sartre einmal sagte: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“

P.S. Es folgen noch einige Fotos. Zunächst ein folkloristischer Abend, um Spenden für humanitäre Zwecke zu sammeln. Unter anderem trägt Mirko selbst verfasste Gedichte vor (oben). Anschließend: weitere Impressionen aus und um Gardinovci.

Über diesen Link kann die Route nachvollzogen werden.

© Tilman Vogler Fotografie 2026

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